Erstausgabe von Urtheil über H. Heine von Ludwig Börne

Ungedruckte Stellen aus den Pariser Briefen
Erstausgabe, ungelesen und nicht beschnitten
80 Seiten, für das Alter ein sehr gutes Exemplar
Johann David Sauerländer, Frankfurt am Main 1840

Ludwig Börne über Heinrich Heine

Heinrich Heine und Ludwig Börne haben sich gekannt und in Paris häufiger getroffen. Die Abneigung Heines wird in dem Essay über Ludwig Börne deutlich, in Börnes Urteil über Heinrich Heine zeigt sich, daß auch Börne trotz mancher Gemeinsamkeiten Heinrich Heine abgelehnt hat. “Was ich von ihm höre, gibt mir von seinem Charakter keine gute Vorstellung. Es ist doch sonderbar, daß ich immer eine Ahndung davon gehabt, und daß ich in seinen Schriften, so sehr sie mir auch gefielen, die unverkennbarsten Zeichen von Charakterschwäche gefunden” (Paris, Freitag den 30. September 1831).

Biographischer Lebensabriß Heinrich Heine

Biographischer Lebensabriß Ludwig Börne

270,00 

Lithographie von Ludwig von Elliott
Sitzung der Nationalversammlung 1848 von Ludwig von Elliott

Vorwort.

Die verwegnen und gemeinen Angriffe, durch welche Herr H. Heine nach Börne’s Tode die Erinnerung an ihn zu entheiligen suchte, haben bei den redlichen Männern in Deutschland Stimmen des Unwillens und der Entrüstung über solchen Frevel erweckt. Der Herausgeber der folgenden Blätter hat die bis jetzt erschienenen, und ihm bekannt gewordenen Urtheile aus den verschiedenen Zeitschriften hier zusammengestellt, damit, so lange Heine’s schlechtes Buch nicht der Vergessenheit anheimgefallen ist, auch erhalten bleibe, was die Zeitgenossen darüber dachten. Der Herausgeber hat sich aber auch bemüht, noch Ungedrucktes aus Börne’s Briefen aus Paris 1831, 32, 33. sich zu verschaffen, in welchen dieser, von der Zeit an, wo er in Paris mit H. Heine zusammentraf, die Eindrücke schildert, welche Heine’s Wesen auf ihn machte. Aus ihnen wird man sehen, daß nicht Heine’s hellenische Lebenslust, nicht sein heiter« und niedriger Liebesdrang, nicht sein erlogener Ekel vor dem reinsten und tadellosesten Verhältnisse innigst befreundeter Menschen, nicht seine Empfindlichkeit gegen volks- thümliche Erscheinungen im Volke, ihn zum Hasse gegen Börne reizten; — nein, daß er Börne haßte, weil er das Gefühl mit sich herumtrug, von Börne’s redlichem Ernste erkannt und verachtet zu seyn. Der Mangel der sittlichen Würde und das Bewußtseyn dieses Mangels, wie die Empfindung, daß er ganz durchschaut werde, haben Herrn H. Heine’s bittern Zorn gestachelt; nichts konnte ihm klüger scheinen, als diesen Zorn zu unterdrücken, bis der gefürchtete Gegner ihm nicht mehr zu antworten vermöge; so hat er sich selbst gerichtet. Nun möge Herr H. Heine auch ferner seine Witze spielen lassen, sein flüchtiges Liedertalent überschätzen, die Schicksale der Völker und der Könige in gesinnungslosen Stylübungen besingen, seine apollinische Schönheit bewundern, und sich selbst im Traume die Kronen aufsetzen, die das Vaterland ihm nicht reicht. Nur schleiche er nicht mehr, zweifelnden Blickes, ein entlarvter Verräther, in das Lager der Freien.

Auszüge aus Börnes Briefen

Gemälde Schlacht bei Kandern
Schlacht bei Kindern 1848

Paris, Sonntag den 22. September 1831.

— — Gestern Abend um 10 Uhr bin ich hier angekommen. — — Ich logire im Hotel de princes, eigentlich in dem nebenbeiliegenden dazugehörigen Hôtel de l`Europe, rue Richelieu. —— Als ich gestern in’s Haus trat, zeigte mir der Wirth das Verzeichniß der im Hotel logierenden Fremden, um zu sehen, ob keine Bekannten darunter waren. Und da fand ich den Michel Beer und Heine. Aber meine Freude wegen des Letzteren sollte nicht lange dauern. Er hat gestern gerade das Haus, und wie ich fürchte, Paris verlassen. Die Sache ist mir noch dunkel. Der Wirth sagt, Heine habe seinen Koffer zu Fuld bringen lassen. Er wisse aber nicht, um auf des Fuld’s Landhaus oder ganz weg zu reisen. Den Michel Beer habe ich noch nicht gesprochen, vielleicht erfahre ich von ihm, wie es sich mit Heine verhält. — — Ich habe den Beer gesprochen, mit dem Heine ist es anders. Der, welcher im Hause gewohnt, ist ein Vetter von ihm. Der rechte Heine ist in Boulogne, wird bald zurückkommen und den Winter hier bleiben.

Paris, Dienstag den 27. September 1831.

—— Meine erste Frage an Madame …. war, wie ihr Heine gefalle? Nun hat diese Dame etwas von Ihrer Art, nicht gerne Böses von den Leuten zu sagen; ich merkte ihr aber doch an, daß er dort im Hause nicht gefallen. Doch tadelte sie blos, er spräche so ordinär, und von einem Schriftsteller, erwarte man doch auch in der Unterhaltung gewählte Worte. — — — Gestern Vormittag kam ein junger Mann zu mir, stürzt freudig herein, lacht, reicht mir beide Hände — ich kenne ihn nicht. Es war Heine, den ich den ganzen Tag im Sinne hatte! Er sollte schon vor acht Tagen von Boulogne zurück seyn, aber „ich war dort krank geworden, hatte mich in eine Engländerin verliebt” u. s. w. Man soll sich dem ersten Eindrucke nicht hingeben; aber mit Ihnen brauche ich mich nicht vorzusehen, das bleibt unter uns, und wenn ich meine Meinung ändere, sage ich es Ihnen. Heine gefällt mir nicht. Sollten Sie wohl glauben, daß, als ich eine Viertelstunde mit ihm gesprochen, eine Stimme in meinem Herzen mir zuflüsterte: „Er ist wie Robert, er hat keine Seele?” Und Robert und Heine, wie weit stehen die aus einander! Ich weiß selbst nicht deutlich, was ich unter Seele verstehe; es ist aber etwas, was oft gewöhnliche Menschen haben und bedeutendere nicht, oft böse und nicht gute, beschränkte und nicht geistreiche Menschen. Es ist etwas Unsichtbares das hinter dem Sichtbaren anfängt, hinter dem Herzen, hinter dem Geiste, hinter der Schönheit, und ohne welches Herz, Geist und Schönheit nichts sind. Kurz, ich weiß nicht. Dem … traue ich Seele zu und dem Heine nicht! und Sie wissen doch, was ich von …’s Herzen halte! Es ist aber etwas dahinter. Ich und meines Gleichen, wir affektiren oft den Scherz, wenn wir sehr ernst sind; aber Heine’s Ernst scheint mir immer affektirt. Es ist ihm nichts heilig, an der Wahrheit liebt er nur das Schöne, er hat keinen Glauben. Er sagte mir offen, er wäre vom Juste milieu, und wie nun alle Menschen ihre Neigungen zu Grundsätzen adeln, sagte er, man müsse aus Freiheitsliebe Despot seyn, Despotismus führe zur Freiheit, die Freiheit müsse auch ihre Jesuiten haben. Recht hat er, aber der Mensch soll nicht Gott spielen, der nur allein versteht, die Menschen durch Irrthümer zur Wahrheit, durch Verbrechen zur Tugend, durch Unglück zum Heile zu führen. Wie ich hier von Mehreren gehört, soll Heine sich gefallen, eine Melancholie zu affektiren, die er gar nicht hat, und soll grenzenlos eitel seyn. Herrliche Einfälle hat er, aber er wiederholt sie gern, und belacht sich selbst. Heine soll gemein liederlich seyn. Er wohnt am Ende der Stadt, und sagt mir oft, es geschähe um keine Besuche zu haben. — — Sonderbar — gestern Abend hörte ich bei … wiederholt etwas darüber spötteln: Heine spräche so oft und so viel von seinen Arbeiten. Was doch die Naturen verschieden sind! Wenn ich etwas in der Arbeit habe, ist mir unmöglich, irgend einen außer Ihnen zum Vertrauten meines Geheimnisses zu machen; mich hält eine gewisse Scham davon zurück.