Kiellands Weihnachtserzählung Else

Alexander L. Kielland
»Else – Eine 
Weihnachtsgeschichte«
Übersetzt von Marie Leskien-Lie und Dr. Friedrich Leskien.
Herausgegeben, bearbeitet und mit einem Nachwort versehen von Rudolf Wolff
Werke in Einzelbänden, Band 2
240 Seiten – Preis: 9,50 €
ISBN 978-3-930730-09-4

Aus dem Nachwort

Die ehrenwerte Gesellschaft

Wenn aber jemand ein verlobtes Mädchen auf freiem Felde trifft und ergreift sie und wohnt ihr bei, so soll der Mann allein sterben, der ihr beigewohnt hat, aber dem Mädchen sollst du nichts tun, denn sie hat keine Sünde getan, die des Todes wert ist; sondern dies ist so, wie wenn jemand sich gegen seinen Nächsten erhöbe und ihn totschlüge.

(5. Moses, 22, 26 und 27)

Die Handlung dieser kleinen Geschichte ist schnell erzählt. Else, eine Waise, lebt in dem gutbürgerlich geführten Heim der Madame Späckbom. Die Zuneigung zu dem Zigeunerjungen Svend wird jäh unterbrochen durch die aufgezwungene Liebschaft mit Konsul With, einem zweifelhaften Herrn aus der gehobenen Gesellschaft, Fabrikant und Vorsitzender des Vereins für gefallene Frauen der Gemeinschaft Sankt Petri. Else erkennt zwar die Sinnlosigkeit dieser Beziehung, ist gleichermaßen geschmeichelt und abwehrbereit, kommt aber schließlich zu der Erkenntnis, dass sie »doch nicht Konsul With, den die ganze Stadt grüßte, und der so fein war, wegstoßen« könne. Nachdem Madame Späckbom von dieser Liebelei erfährt, wirft sie Else aus dem Haus, und ihre Odyssee beginnt.  Getrieben von Schuld, traut sich Else nicht sofort, das Angebot von Svend, sie trotz allem zu heiraten, anzunehmen, und als sie schließlich einwilligt, ist es zu spät; die finanzielle Notlage und die hieraus erwachsenen Qualen  lassen eine Rettung nicht mehr zu. So kommt es, wie es kommen muß. Zusammen mit anderen brechen Else, ihr Mann Svend und einige andere in einen Kolonialwarenladen ein, werden erwischt, und Else stirbt an Entkräftung

Als Alexander Lange Kielland diese Weihnachtsgeschichte 1881 erstmals veröffentlichte, gab es Aufregung und Aufruhr. Man war ja einiges von diesem unbequemen Zeitgenossen gewohnt,  aber so einen Angriff auf die Gesellschaft ging den meisten zu weit. Die Attacken auf die Heuchelei, die heftigen Angriffe auf eine bürgerliche Moral, die von klerikalen Kräften von der Kanzel herab gepredigt wurde, und die Geißelung der Bigotterie des in sozialer Absicherung lebenden Bürgertums  erschütterten die Leser seinerzeit, so dass sich zwei Lager beinahe feindlich gegenüberstanden.